Der Architekt Christian Frederik Hansen
C. F. Hansen um 1820
Christian Frederik Hansen war ein führender Repräsentant des Klassizismus in Norddeutschland und Dänemark.
Der Klassizismus war ein Baustil, der klare geometrische Formen mit (im Gegensatz zu Barock und Rokoko) sparsamem Dekor anstrebte. Seine Vorbilder fand er in der Antike, vor allem in der griechischen Tempelarchitektur, deren charakteristische Bauelemente wie Säulen und Dreieckgiebel er häufig verwendete.
Auch das bevorzugte Weiß klassizistischer Gebäude und Plastiken verdankt sich der Orientierung an einem idealisierten griechischen Altertum.
Diese Orientierung war nicht nur eine ästhetische, Griechenland und Rom standen für die Staatsform einer Republik als Gegensatz zum (mit dem Barock verbundenen) Feudalismus. So war der klassizistische Stil oft auch ein Ausdruck selbstbewussten Bürgertums.
Hansen wurde am 29. Februar 1756 in Kopenhagen geboren (einen Monat nach W. A. Mozart). Sein Vater war Schumacher und Lederhändler, Christian Frederik der erste Künstler in der Familie.
Früh fiel das Zeichentalent des Kindes auf, und schon mit 10 Jahren durfte der junge Hansen die Königlich Dänische Kunstakademie in Kopenhagen besuchen. Seine Mutter, Kindermädchen am königlichen Hof, hatte wohl das Interesse einflussreicher Personen an der Erziehung ihres begabten Sohnes wecken können.
Die Ausbildung, die neben dem Architekturstudium auch eine mehrjährige Maurerlehre umfasste, galt mit dem Gewinn der Großen Goldmedaille der Akademie im August 1779 als abgeschlossen. Ein Jahr darauf trat er eine Stelle als »Baukondukteur« (Bauaufsichtsbeamter) des Direktors der Akademie, Caspar Frederik Harsdorff (1735-1799), an. Harsdorff, einer seiner Lehrer, war ein Pionier des klassizistischen Bauens in Dänemark.
Landhaus Baur
König Christian VII. ermöglichte Hansen eine zweijährige Italienreise, auf der er die Architektur der Antike und der Renaissance studieren konnte. Besonders der Kuppelbau des Pantheons in Rom und die Villen Andrea Palladios im Veneto waren für Hansen wie auch andere Architekten des Klassizismus prägende Vorbilder.
Den Einfluss Palladios zeigt besonders das Landhaus Baur in Nienstedten; die Kirche von Schloss Christiansborg in Kopenhagen greift auf die Architektur des Pantheons zurück. Eine weitere Inspiration für Hansens Baukunst dürfte die sogenannte »Revolutionsarchitektur« der eine Generation älteren französischen Architekten Étienne-Louis Boullée (1728-1799) und Claude-Nicolas Ledoux (1736-1806) gewesen sein.
Während diese in ihren Entwürfen den Gebäudezweck allerdings oft demonstrativ abstrakten Bauformen (Kuben, Kugeln) unterordneten, achtete Hansen darauf, dass seine Bauten bei aller Klarheit der Linien und Raumblöcke im Rahmen konventioneller Erwartungen blieben. So vermied er auch den Monumentalismus der beiden Franzosen, Hansens Bauten sind immer auf menschliches Maß zugeschnitten. Die englische Landhausarchitektur des 18. Jahrhunderts wird Hansen, soweit möglich, rezipiert haben; direkte Bezüge sind in seinem Werk nicht aufzuweisen. Ebenso nahm er sicher das Schaffen seiner jüngeren Zeitgenossen Karl Friedrich Schinkel (1781-1848) in Preußen und Leo von Klenze (1884-1864) in München wahr. Klenze lernte er 1824 auf einer Deutschlandreise persönlich kennen.
Aus Italien zurückgekehrt, wurde Hansen im Januar 1783 zum Landbaumeister für Holstein und Altona ernannt.
Schleswig und Holstein unterstanden damals dem dänischen König als Landesherrn, Altona war nach Kopenhagen die bedeutendste Stadt unter dänischer Herrschaft. 1785 nahm die Kopenhagener Kunstakademie Hansen als Mitglied auf.
1789 betraute Johan Cesar Godeffroy (IV) den auf dem Gebiet noch weitgehend Unerfahrenen mit Planung und Bau eines Landhauses in Dockenhuden, der erste private Bauauftrag für den 33jährigen. Ein Jahr später (1790) ließ sich Johan Cesars Bruder Pierre (»Peter«) von Hansen auf dem Nachbargrundstück westlich des Mühlenberger Tals ebenfalls eine Villa bauen, das »Weiße Haus«, heute Elbchaussee 547.
Es folgte eine ganze Reihe von Bauaufträgen für Landhäuser in den jetzt entstehenden Privatparks am hohen Elbufer westlich von Hamburg.
Landhaus Godeffroy
Landhaus Blacker
1794/95 wurde das Landhaus Blacker (heute »Goßlerhaus«) auf dem Blankeneser Krähenberg errichtet, das von außen einen dorischen Tempel imitierte.
Spätere Besitzer stockten das Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts auf, 1901 wurde es nach einem Brand verändert neu aufgebaut. Hansens ursprüngliches Konzept ist nur im Erdgeschoss noch erkennbar.
1794/95 entstanden an den heutigen Rainvilleterrassen ein Landhaus für den batavischen Gesandten Balthasar Elias Abbéma, ab 1798 unter neuem Besitzer Mittelpunkt des populären Ausflugslokals »Rainvilles Gärten« (1867 abgerissen), sowie das Landhaus Thornton, später Schröder, an der Elbchaussee 228, von dem noch die halbmondförmigen Stallungen erhalten sind.
Die Landhäuser Böhl (1797) und Lawaetz (1798), ebenfalls an der Elbchaussee, wurden 1943 bzw. ʼ45 durch Bomben zerstört. 1804/06 baute Hansen in Nienstedten das Landhaus Baur (»Elbschlösschen«), das deutlich von Palladios Villa Rotonda beeinflusst ist. Ein für Hansen untypischer zylindrischer Bau, ursprünglich mit einem pilzförmigen Reetdach bekrönt, ist das Landhaus Gebauer von 1806. Das Haus existiert noch (Philosophenweg 18), wurde aber durch Aufstockung und Anbauten stark verändert.
Rainvilles Gärten um 1818
Haseldorfer Schloss
Schlosskirche Kopenhagen
Auch Aufträge für Herrenhäuser führte Hansen aus (u.a. 1791 Alt-Fresendorf, 1796 Perdöl, 1801 Kastorf, 1803 Rastorf, 1804 Haseldorf), baute Stadtpalais und Wohnhäuser (erhalten in Hamburg die Ensembles Palmaille 49–65 und 112–120, zum Teil auch von seinem Neffen Johann Matthias Hansen (1781-1850) gestaltet), Nutzbauten wie Mühlen und Kalköfen in Segeberg, einen Rundtempel im Eutiner Schlosspark (1792), den Sarkophag für Christian VII. in Roskilde (1808).
Hauptbetätigungsfeld Hansens waren aber Staats- und Kirchenbauten im dänischen Königreich: das Waisenaus in Altona (1792ff), die Rathäuser in Oldesloe (1803ff), Plön (1815) und Neustadt (1818ff), das Rat- und Gerichtshaus Kopenhagen (1805ff), die Landesheilanstalt in Schleswig (1818ff), das Arresthaus Neumünster (1821f); die Marienkirche in Quickborn (1809), die Frauenkirche in Kopenhagen (1811ff), die Schlosskirche von Schloss Christiansborg (1813ff), die Kirche in Hørsholm (1820ff), die Kirche in Vonsild (1824f), die Marienkirche in Husum (1828ff), die Vicelinkirche in Neumünster (1828ff), die Kirche in Skagen (1839ff) und andere Offizialbauten.
Hansens Wohnhaus, Palmaille 115
Hansen war seit 1792 mit Anne Margrethe Rahbek, Tochter eines Kopenhagener Zollinspektors, verheiratet. Als Landbaumeister wohnte er zunächst in Altona, einige Jahre in einem von ihm selbst gebauten Stadthaus an der Palmaille.
1804 zog Hansen nach Kopenhagen, wo er 1808 zum Oberbaudirektor ernannt wurde und an der Akademie eine Professur für Architektur bekleidete. Er übte diese Ämter bis ins hohe Alter von 88 Jahren (1844) aus.
Am 10. Juli 1845 starb Hansen. Sein Grab befindet sich in der Grabkapelle der Holmens Kirke in Kopenhagen.
Palmaille um 1830