Der Park am hohen Elbufer
Hohes Elbufer um 1820
Auf dem sandigen Boden der Elbmoränen war seit je nur eine wenig rentable Landwirtschaft möglich, manche Flächen waren allenfalls als Schafweide nutzbar. Überdies war das Land vielfach in kleine Flurstücke zersplittert. So übereigneten Bauern oder Schäfer Ende des 18. Jahrhunderts bereitwillig ihre Hofstellen an reiche Städter, die auf den zusammengekauften Parzellen ihre Parks errichteten.
Zwar hatte schon ein A. Oldehorst 1620 ein großes Landgut auf der Dockenhudener Geest besessen, das auch Zierpflanzungen aufwies (wovon die große Lindenallee des Hirschparks noch heute zeugt); doch die große Zeit der Parks an der Elbe begann 1885, als der Kaufmann Caspar Voght in Flottbek Bauernland erwarb, um ein Mustergut in ästhetisch gestalteter Landschaft, eine sogenannte »ornamented farm«, anzulegen. Innerhalb von nur einer Generation entstanden jetzt die privaten Gartenparadiese westlich von Altona. Die zahlreichen Baumschulen und Gartenbaubetriebe, die es in Hamburgs Westen gab und z.T. noch gibt, etablierten sich als Zulieferer für diese Parks.
1786 erwarb Johan Cesar (IV) Godeffroy (1742-1818) ein großes Areal in Dockenhuden aus dem Nachlass des Kaufmanns Johann Berend Rodde (1720-1786) und legte einen Landschaftsgarten Englischen Stils an.
Im Gegensatz zu den Französischen Gärten des Barock, deren Pflanzungen in geometrische Muster gezwängt wurden, sollten Landschaftsgärten ein Stück idealer Natur präsentieren:
Offene Wiesenflächen wechselten mit Gehölzen ab, Einzelbäume, Baumgruppen und Buscharrangements setzten Akzente, es gab Teiche, Fließgewässer und Aussichtspunkte auf die umgebende Landschaft. Geschwungene Wege sollten möglichst alle paar Schritt neue Blickachsen und Panoramen bieten, die Parkränder wurden als Kulissen sorgfältig geplant. Gerne wurden Kunstruinen, Tempel, Pagoden, Borkenhäuschen, Grotten als zusätzliche Stimmungsstimuli eingesetzt. So zu Beispiel im benachbarten Park des Kaufmann Georg Friedrich Baur (1768-1865).
Baurs Park mit Ruine und Tempel um 1810
Johan Cesar (IV) Godeffroy verzichtete auf solche Accessoires, begnügte sich mit der Optimierung der Natur, rodete, pflanzte, säte, ameliorierte den Boden, bis sein Anwesen einer ländlichen Idylle im Zeitgeschmack entsprach, einer »Schweiz«.
Die barocke Lindenallee, die nicht ins Konzept des Landschaftsgartens passte, ließ er allerdings stehen, vielleicht aus Respekt vor den schon damals alten Bäumen. Am südwestlichen Rand seiner Parkanlage – in feudalen Gärten hätte man eine zentrale Position gewählt – ließ er sich von dem dänischen Architekten Christian Frederik Hansen (1756-1845) ein Landhaus im klassizistischen Stil errichten, das die Familie in den Sommermonaten bewohnte und zum Schauplatz glanzvoller Gesellschaften machte.
Landhaus Godeffroy (Stahlstich 1855)
Sein Sohn und Nachfolger als Leiter der Firma, Johan Cesar (V) Godeffroy (1782-1845) beauftragte den Architekten (u.a. der Alsterarkaden und der Alten Post), Alexis de Chateauneuf (1799-1853), am Nordrand der Anlage ein Gärtnerhaus zu bauen. Auch den Tunnel unter den Blankeneser Kirchenweg (1843 zum ersten Mal erwähnt) dürfte wohl auf diesen Godeffroy zurückgehen.
Ansonsten scheint er den Park im Sinne seines Vaters weiter gepflegt zu haben, ohne größere Änderungen vorzunehmen.
Anders Johan Cesar (VI) Godeffroy (1813-1885), der »Südseekönig«, der ab 1845 für Firma und Anwesen verantwortlich war.
Er legte östlich des Landhauses den »Französischen oder Rokoko-Garten« an, ein Séparée im geometrischen Stil mit Zierbeeten, Kübelpflanzen, einem Springbrunnen und Imitaten antiker Skulpturen aus bemaltem Eisen.
Ansichtskarte Statuenrund im Rokoko-Garten
Ansichtskarte Zierpflanzungen im Hirschpark um 1900
Johan Cesar (VI) war es auch, der 1860 ein Wildgatter errichten ließ, nach dem der Park heute seinen Namen »Hirschpark« führt.
Das Gelände zwischen Französischem Garten und Wildgatter, parallel zur Lindenallee, ließ er beidseitig mit Rhododendrenwällen säumen, für die nicht weniger als 1200 Exemplare beschafft wurden.
Rhododendren waren erst Ende des 18. Jahrhunderts in Europa eingeführt worden und in kurzer Zeit eine Modepflanze im damaligen Gartenbau geworden. Ob die üppige Ausstaffierung dieses Korridors mit Koniferen, Palmen, Kübelpflanzen, Blumenbeeten und gepflegten Wegen, die alte Postkarten zeigen, auf Johan Cesar (VI) oder seinen Nachfolger zurückgehen, ist nicht geklärt. Ein zentraler Weg mündete um 1900 in die Lindenterrasse, eine kleine Treppenanlage, damals direkt vor dem Gehege. Heute erstreckt sich zwischen den Rhododendren nur noch eine Wiese, die Lindenterrasse wurde 2024 in schlichter Form neu gebaut.
Zur romantischen Ausstattung des Parks durch Johan Cesar (VI) Godeffroy gehörte auch ein pittoresk gestaltetes Futterhaus im Gehege. Ob auch die rustikale Knüppelbrücke über den Hirschparkteich (nicht mehr vorhanden) von ihm oder seinem Nachfolger in Auftrag gegeben wurde, weiß man nicht.
Im Dezember 1879 musste sich die Firma Joh. Ces. Godeffroy & Sohn zahlungsunfähig erklären.
Die Auflösung des verwinkelten Unternehmens zog sich bis 1913 hin. Für Hirschpark und Landhaus konnte zunächst kein akzeptabler Preis erzielt werden, so räumten die Gläubiger, langjährige Geschäftspartner, Johan Cesar (VI) und seiner Frau ein zehnjähriges Wohnrecht ein.
Sie mussten sich verpflichten, den Park instand zu halten. Dafür gaben Cesars Brüder Adolph und Gustav Zuschüsse. 1889 erwarb der Altonaer Zigarrenfabrikant Ernst August Wriedt (1842-1923) das Anwesen. Er erhielt die Anlage im Stil seines Vorgängers.
Wie schon die Godeffroys gestattete er der Öffentlichkeit den Besuch des Parks, der jetzt als »Wriedtʼs Park« ein beliebtes Ausflugsziel wurde. 1921 kaufte ihm Ferdinand Nather (1871-1924), ein Holzhändler und -fabrikant aus Riga, den Park ab.
Ansichtskarte Wildgehege um 1900
Als Nather nur drei Jahre später starb (1924), erwarb die Gemeinde Blankenese das Grundstück. Nach der Zwangseingemeindung Blankeneses in Altona 1927 übernahm der dortige Gartendirektor Ferdinand Tutenberg (1874-1956) die Regie und entwickelte Pläne, den Park in eine öffentliche Anlage für ein größeres Publikum umzugestalten. Tutenberg erweiterte die Kreuzungspunkte des Wegnetzes zu kleinen Plätzen, ergänzte die Lindenallee durch Nachpflanzungen, legte ein Areal südlich des Französischen Garten für einen Spielplatz fest, plante einen geometrischen Blumenschaugarten am Nordrand, erschloss den Park vom Elbuferweg durch den Bau einer Treppe. 1929 wurde das Wildgatter weiter nach Süden verlagert. Um Kauf und Umgestaltung zu finanzieren, wurde der östliche Teil (heute die Grundstücke am Hirschparkweg und In de Bost) parzelliert und verkauft.
Neuer Brunnen im Französischen Garten
Vor allem der Französische Garten erfuhr etliche Umwandlungen. Die zum Teil maroden Statuen waren schon in den 20er Jahren beseitigt worden, die vormals üppige Bepflanzung wurde in den 50ern durch einfache Beete mit Stiefmütterchen im Frühjahr, Sommerblumen im Sommer ersetzt.
In den frühen 2000ern stellte das Gartenbauamt die Bepflanzung zunächst teilweise, dann ganz ein.
Für ein paar Jahre übernahm der Hirschparkverein die Kosten. Derzeit (2025) sind die Beete nur noch mit Stauden bestückt.
Der Hirschparkverein finanzierte 2012 auch die Restaurierung des Brunnens in gegenüber dem historischen Vorbild stark reduzierter Form.
Im Korridor zwischen den Rhododendrenwällen und auf der großen Wiese vorm Wildgehege wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit Kartoffeln und Gemüse angebaut. Auch ein Teil des Bestandes an Zierbäumen wurde von der Bevölkerung gefällt, um Brennholz zu gewinnen. Seitdem verläuft zwischen Französischem Garten und der 2024 neu errichteten Lindenterrasse eine schlichte Rasenfläche.
Bauerngarten vorm Witthüs
In den 80er Jahren legte das Gartenbauamt unmittelbar vor dem Witthüs (seit 1960 ein Restaurationsbetrieb) einen »Bauerngarten« an.
Solche »Bauerngärten«, ein Konstrukt des späten 19. Jahrhunderts, haben typischerweise eine nicht zu große rechteckige Anlage mit Buchsbaumhecken als Umfassung.
Umlaufende Wege und ein Wegkreuz in der Mitte teilen den Garten in Rabatten, die bevorzugt mit Gartenkräutern, Gemüse oder Stauden bepflanzt werden.
Nachdem der Garten längere Zeit vernachlässigt worden war, wurde er 2024 so zurückgebaut, dass nur noch die ursprüngliche Einteilung (ohne Zierbepflanzung) zu erkennen ist.
Nördlich der Lindenallee befand sich bis in die 2000er Jahre Gebäude des Gartenbauamtes Altona.
2011 und 2013 wurde auf dem Streifen eine Streuobstwiese mit alten regionalen Obstsorten angelegt.
Purpurroter Cousinot